Wenn Menschen in meine Praxis kommen und über ausbleibende sexuelle Lust berichten, zeigt sich fast immer dieselbe Mischung aus Scham, Unsicherheit und dem Gefühl, „nicht normal“ zu sein. Lustlosigkeit ist jedoch eines der häufigsten sexualmedizinischen Themen überhaupt – und sie betrifft Männer und Frauen gleichermaßen, wenn auch häufig aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Ausdrucksformen. Während Frauen historisch häufig mit Begriffen wie „Frigidität“ stigmatisiert wurden, existiert für Männer kein äquivalentes Alltagswort – was jedoch nicht bedeutet, dass männliche Lustlosigkeit seltener oder weniger belastend wäre. Moderne Sexualmedizin betrachtet beide Geschlechter differenziert, aber mit demselben Verständnis: Sexualität ist ein biopsychosoziales Zusammenspiel, und Lustlosigkeit immer ein multifaktorielles Muster.



Prävalenz – wie häufig ist Lustlosigkeit wirklich?
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass etwa 30–40 % der Frauen im Laufe ihres Lebens Phasen verminderten sexuellen Interesses erleben; bei Männern liegt die Zahl mit 20–25 % etwas niedriger, aber keinesfalls selten. Klinisch relevante Ausprägungen, die über mehrere Monate bestehen und Leidensdruck verursachen, betreffen etwa 10 % der Frauen und 8–10 % der Männer. Interessanterweise zeigen Untersuchungen, dass Männer häufiger über sexuelles Interesse im Allgemeinen verfügen, aber Schwierigkeiten entwickeln, dieses in bestimmten Situationen abzurufen, beispielsweise in Langzeitbeziehungen oder unter starkem beruflichen Druck.
Bei beiden Geschlechtern ist es wichtig, zwischen situativer und generalisierter Lustlosigkeit sowie zwischen partieller und vollständiger Ausprägung zu unterscheiden. Manche Menschen empfinden beispielsweise nur gegenüber ihrem Partner oder ihrer Partnerin wenig sexuelle Motivation, während Masturbation, Sex mit anderen oder Fantasien durchaus lustvoll erlebt werden. Diese Differenzierung liefert entscheidende Hinweise auf mögliche Ursachen und therapeutische Ansätze.


Hormone, Gesundheit und Medikamenteneffekte
Biologische Ursachen können sowohl Männer als auch Frauen betreffen, zeigen aber unterschiedliche Schwerpunkte.
Bei Frauen spielen hormonelle Veränderungen eine größere Rolle: Der Übergang in die Menopause mit sinkenden Östrogen- und Testosteronwerten ist einer der am besten dokumentierten Einflussfaktoren. Auch postpartale hormonelle Umstellungen, Stillzeit oder Zyklusvariationen können die Libido stark beeinflussen. Endometriose, chronische Schmerzen oder Schilddrüsenfunktionsstörungen gehören ebenfalls zu den relevanten medizinischen Ursachen.

Beim Mann ist ein niedriger Testosteronspiegel (Hypogonadismus) ein möglicher Faktor, allerdings deutlich seltener, als populäre Vorstellungen vermuten lassen. Weitaus häufiger ist die Lustlosigkeit sekundär – etwa durch Diabetes, kardiovaskuläre Erkrankungen, psychische Erkrankungen wie Depression oder Schlafprobleme. Zudem bestehen enge Wechselwirkungen zwischen erektiler Dysfunktion und vermindertem sexuellem Verlangen: Männer verlieren nicht selten ihre Lust, weil sie wiederholt die Erfahrung machen, dass ihre sexuelle Aktivität mit Versagenserleben oder Stress verknüpft ist.
Bei Männern und Frauen gleichermaßen bedeutsam ist die Wirkung von Medikamenten, insbesondere Antidepressiva aus der Gruppe der SSRI und SNRI, Betablocker, hormonelle Kontrazeptiva (bei Frauen), Antipsychotika oder Medikamente gegen Prostatabeschwerden. Viele dieser Präparate beeinflussen neurochemische Systeme wie Serotonin oder Dopamin, die entscheidend an sexuellem Verlangen beteiligt sind.

Psychische Faktoren gehören zu den stärksten Einflüssen auf das sexuelle Interesse.
Depressive Episoden reduzieren die Libido bei beiden Geschlechtern deutlich; ebenso kann eine hohe Belastung durch Angststörungen oder posttraumatische Stressreaktionen die sexuelle Motivation massiv verringern. Besonders bedeutsam ist chronischer Stress: Er erhöht das Stresshormon Cortisol, das wiederum hemmend auf das Sexualhormon-Testosteron wirkt und die Aktivität sexualmotivierender Hirnareale reduziert.
Frauen berichten im Vergleich häufiger über negative Auswirkungen von Körperbild, Selbstwert oder Schamgefühlen auf ihre Sexualität. Bei Männern dagegen spielt Leistungsdruck im Sinne eines „funktionieren müssen“ eine deutlich größere Rolle, was wiederum zu einem Abwärtssog aus Erwartungsangst, Vermeidungsverhalten und sinkender Libido führen kann.



Kommunikation, Beziehungsmuster und Erwartungen

Sexualität findet fast nie isoliert statt, sondern ist in Beziehungssysteme eingebettet. Und mit „Beziehung“ ist nicht nur eine romantische Bindung gemeint. Zwischenmenschliche Konflikte, nicht ausgesprochene Bedürfnisse oder wiederkehrende Verletzungen können das sexuelle Interesse schrittweise untergraben. Viele Paarungen, die vor allem über mehrere Jahre miteinander lieben oder leben, beschreiben eine Phase, in der Sexualität zunehmend als Leistung oder Verpflichtung erlebt wird – ein Muster, das sowohl Frauen als auch Männer stark hemmt.
Dabei zeigen Studien deutliche geschlechtsspezifische Tendenzen: Frauen verbinden sexuelles Verlangen häufiger mit emotionaler Nähe, Intimität und einer positiven Beziehungssituation. Männer können Sexualität eher als Regulation von Nähe oder Stress erleben. Beides ist normal; problematisch wird es erst, wenn Bedürfnisse nicht kommuniziert werden oder wenn Rollenerwartungen verhindern, dass Menschen authentisch über Lust und Unlust sprechen.



Warum Lust nicht immer spontan entsteht
Das duale Kontrollmodell (Bancroft & Janssen) beschreibt ein Zusammenspiel aus sexueller Erregung (excitation) und sexueller Hemmung (inhibition). Lustlosigkeit entsteht häufig dann, wenn hemmende Mechanismen dominieren: Stress, Leistungsdruck, Angst, negative Erwartungen oder mangelnde Selbstsicherheit. Dieses Modell ist für Männer wie Frauen gleichermaßen hilfreich und erklärt, warum „mehr Stimulation“ oder „mehr Mühe“ oft nicht ausreicht, wenn äußere oder innere Belastungsfaktoren nicht berücksichtigt werden.
Für Frauen ist zusätzlich das modifizierte Erregungsmodell von Rosemary Basson relevant. Es betont, dass sexuelles Verlangen häufig reaktiv und nicht spontan entsteht – also im Verlauf einer erotischen, emotional stimmigen Begegnung. Diese Erkenntnis hilft vielen Frauen, die sich durch Erwartungen nach „ständiger Lust“ unter Druck gesetzt fühlen.


Was Männern und Frauen helfen kann

Eine zentrale Erkenntnis der Forschung ist, dass Lustlosigkeit gut behandelbar ist – sofern die individuellen Ursachen verstanden werden.
Sexualtherapeutische Interventionen
Bei beiden Geschlechtern stehen Kommunikation, Entlastung vom Leistungsdruck und die Wiederentdeckung von körperlicher und emotionaler Intimität im Vordergrund. Zum Beispiel können sogenannte Sensate-Focus Übungen es ermöglichen, Berührung ohne Zielorientierung zu erleben und Lust wieder entstehen zu lassen statt sie zu erzwingen.
Behandlung medizinischer Ursachen
Hormontherapien können sinnvoll sein – lokal oder systemisch bei Frauen, Testosteronsubstitution bei Männern mit gesichertem Hypogonadismus. Ebenso wichtig ist die Überprüfung der Medikation, insbesondere antidepressiver oder antihypertensiver Präparate.
Psychotherapeutische Unterstützung & Paartherapie
Bei Depressionen, traumatischen Erfahrungen oder starkem Leistungsdruck ist eine psychotherapeutische Begleitung oft notwendig. Lust entsteht selten, wenn emotionale Belastungen dominieren.
Paare profitieren häufig von einer gemeinsamen Perspektive auf sexuelle und emotionale Bedürfnisse. So kann (Erwartungs-)Druck sinken und gegenseitiges Verständnis, ohne Schuldzuweisungen, steigen.


Lustlosigkeit ist häufig, normal und behandelbar
Die moderne Sexualmedizin verabschiedet sich bewusst von moralisierenden oder stigmatisierenden Begriffen wie „Frigidität“ oder den impliziten Erwartungen, Männer müssten immer lustvoll und leistungsfähig sein. Lustlosigkeit ist weder ein persönliches Versagen noch ein Zeichen mangelnder Attraktivität. Sie ist ein komplexes, biopsychosoziales Phänomen, das sich in jeder Lebensphase verändern kann – und das sich nahezu immer positiv beeinflussen lässt.







Frau Doktor K., Dezember 2025




Literaturhinweise (Auswahl):
• American Psychiatric Association. DSM-5: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. APA, 2013.
• Bancroft, J., & Janssen, E. „The Dual Control Model of Sexual Response.“ Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 2007.
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• World Health Organization. ICD-11: International Classification of Diseases, 2019.