Nur so und nicht anders - DER wahre BDSM

In öffentlichen Debatten, Medienberichten und selbst innerhalb der Szene hält sich hartnäckig die Vorstellung, BDSM sei eine klar abgrenzbare, einheitliche Praxis. Das greift jedoch zu kurz und wird der tatsächlichen Vielfalt von Menschen, Motivationen und Lebensmodellen nicht gerecht. 

BDSM beschreibt kein homogenes Phänomen, sondern ein breites Spektrum an Praktiken und individuellen Lebensentwürfen (Newmahr, 2011).
Studien zeigen, dass die Motive für BDSM äußerst unterschiedlich sein können: von Neugier, Lust auf Abwechslung und erotischer Exploration bis hin zu tief verankerten Identitätsaspekten und langfristig gelebten Beziehungsmodellen (Wright, 2014). Ein zentraler Unterschied besteht zwischen Menschen, die BDSM gelegentlich als sexuelle Spielart in ihr Liebesleben integrieren und jenen, für die ein Machtgefälle und die Rollenidentitäten integrale Bestandteile ihres Lebens sind.
So beschreibt die Forschung zu sogenannten
„Lifestyle-Praktizierenden“, dass Machtgefälle und Rollen (also Top oder Bottom bzw. Dom(me) und sub etc.) nicht nur im sexuellen Kontext, sondern teilweise auch in deren Alltagsstrukturen, Kommunikation und der Selbstwahrnehmung verankert sind (Newmahr, 2011). Für diese Menschen ist BDSM weniger ein Hobby als vielmehr ein identitätsstiftender Bestandteil ihres Lebens. Demgegenüber stehen Personen, die einzelne Praktiken situativ ausprobieren oder als gelegentliche erotische Ergänzung nutzen, ohne dass diese eine tiefere persönliche Bedeutung haben.
Beide Formen sind gleichermaßen legitim.
Problematisch wird es jedoch, wenn diese Gruppen undifferenziert in einen Topf geworfen werden. Solche Vereinfachungen fördern Missverständnisse, unrealistische Erwartungen und mitunter auch Stigmatisierung innerhalb und außerhalb der Community. Forschungsergebnisse zeigen, dass gerade die Vielfalt zentrales Merkmal von  BDSM-Praktiken sind (Wismeijer & van Assen, 2013). Es existiert kein „richtiges Maß“ an Intensität, Häufigkeit oder Identifikation.


Warum die konkrete Dynamik sexualmedizinisch relevant ist


In der Sexualmedizin geht es selten nur um Sexualpraktiken. Fast immer geht es um Sicherheit, Körper, Beziehung, Psyche und Kontext. BDSM-Dynamiken beeinflussen alle diese Ebenen.

Für mich als Sexualmedizinerin genügt deshalb die Frage „Machen Sie BDSM?“ nicht, sondern ich frage: „In welcher Form, mit welchen Regeln, mit welcher Intensität und mit welchen Auswirkungen auf Gesundheit und Alltag?“


Konsens ist nicht einfach da und er ist dynamisch
Je intensiver und alltagsnäher eine Dynamik (z. B. 24/7 oder TPE), desto wichtiger sind Mechanismen für Einwilligung, Grenzen, Verhandlung und Widerruf. Für die Arbeit mit kinky KlientInnen und PatientenInnen besteht deshalb die Notwendigkeit kultureller Kompetenz. Es genügt nicht BDSM nur „zu kennen“, sondern man sollte nachfragen können ohne zu werten und dabei Konsens, Sicherheit und mögliche Belastungen gleich miterfassen (Sprott et al., 2023). In der Anamnese heißt das praktisch: Welche Regeln? Safewords oder andere Stoppsignale? Nachbesprechung? Was passiert, wenn eine Person „Nein“ sagt, auch außerhalb einer Szene? usw.


Risikoabschätzung ohne Stigma: Verletzungen, Spuren, Komplikationen
Manche Praktiken hinterlassen Spuren (Hämatome, Striemen, Nervenkompressionen durch Fesseln, Schleimhautverletzungen). Für eine medizinische Einschätzung muss ich wissen, ob solche Spuren erwartbar sind bzw. wie sie entstanden sind und ob sie zur vereinbarten Praxis passen. PatientInnen berichten zudem, dass sie aus Angst vor Missverständnissen (z. B. Verwechslung mit Gewalt in Paarbeziehungen) oder Verurteilung Details verschweigen, was die Versorgung verschlechtert (Waldura et al., 2016). Genau hier wird die Frage nach dem Wie entscheidend: Sie ermöglicht medizinische Versorgung ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Differenzialdiagnostik: Paraphilie ≠ Störung
Das DSM-5 unterscheidet ausdrücklich zwischen ungewöhnlichen sexuellen Interessen und paraphilen Störungen: Eine Störung liegt nicht wegen des Interesses vor, sondern wenn klinisch relevanter Leidensdruck/Beeinträchtigung entsteht (American Psychiatric Association, 2013). Ich frage also nach BDSM-Dynamiken, um zu klären ob Sexualität freiwillig, kongruent und nicht belastend gelebt wird oder ob es zu Druck, Kontrollverlust, Zwang, Dissoziation, Angst, Schmerz etc. jenseits von den getroffenen Vereinbarungen kommt. Ebenso ist es für ein biosoziales Bild wichtig zu erfahren, ob die gelebte Sexualität zu einer Beeinträchtigung des Alltags führt.


Versorgungslücken
Qualitative Forschung zeigt, dass viele kink-orientierte PatientInnen gegenüber ÄrztInnen nicht offen sind, vor allem aus Angst vor Stigma. Gleichzeitig wünschen sich viele offen sprechen zu können, um individualisierte Beratung (z. B. STI-Risiko, Verletzungsprävention) zu erhalten (Waldura et al., 2016). In meiner Praxis ist das mein Auftrag: aktiv einen Rahmen zu schaffen, in dem PatientInnen sagen können, was sie tun und noch wichtiger: wie sie es tun.
Ich nutze offene, normalisierende Fragen, wie zum Beispiel:
• „Gibt es Praktiken, die für Ihre Sexualität wichtig sind und wie ist das Setting z. B. sind es Rollenspiele oder ein strenges Machtgefälle, etc. ?“

• „Ist das eher gelegentlich und klar begrenzt oder Teil Ihres Alltags/Beziehungsstils?“
• „Was ist daran für Sie lustvoll oder bedeutsam und gibt es auch Belastungen?“
Diese Fragen sind nicht voyeuristisch. Sie sind medizinisch: Sie helfen, Risiken zu senken, Missverständnisse zu vermeiden, passende Beratung anzubieten und sie signalisieren: Sie müssen sich hier nicht rechtfertigen. Kink sollte biopsychosozial und stigma-sensibel verstanden werden (Williams & Sprott, 2022).



Denn BDSM ist ein Spektrum gelebter Dynamiken und Praktiken, die unterschiedliche Auswirkungen auf Körper, Psyche und das Alltagsleben haben können. Für eine gute sexualmedizinische Versorgung ist es deshalb zentral zu erfragen, wie PatientInnen BDSM leben: begrenzt oder alltagsintegriert, mit welchen Regeln, mit welcher Art der Kommunikation, mit welchen Effekten auf die Gesundheit und die Beziehungen zu anderen, etc. Das Ziel ist Präzisierung der Anamnese und damit Sicherheit, Entlastung und bessere Behandlung.





Frau Doktor K., Jänner 2026




Literaturhinweise (Auswahl):

- American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.).
- Holvoet, L., Huys, W., Coppens, V., Seeuws, J., Goethals, K., & Morrens, M. (2017). Fifty Shades of Belgian Gray: The prevalence of BDSM-related fantasies and activities in the general population. The Journal of Sexual Medicine, 14(9), 1152–1159.
- Kolmes, K., Stock, W., & Moser, C. (2006). Investigating bias in psychotherapy with BDSM clients. Journal of Homosexuality, 50(2–3), 301–324.
- Newmahr, S. (2011). Rethinking kink: Sadomasochism as serious leisure. Qualitative Sociology, 34(2), 313–331.
- Richters, J., de Visser, R. O., Rissel, C. E., Grulich, A. E., & Smith, A. M. A. (2008). Demographic and psychosocial features of participants in bondage and discipline, “sadomasochism” or dominance and submission (BDSM): Data from a national survey. The Journal of Sexual Medicine, 5(7), 1660–1668.
- Sprott, R. A., Herbitter, C., Grant, P., Moser, C., & Kleinplatz, P. J. (2023). Clinical guidelines for working with clients involved in kink. Journal of Sex & Marital Therapy, 49(8), 978–995.
- Waldura, J. F., Arora, I., Randall, A. M., Farala, J. P., & Sprott, R. A. (2016). Fifty Shades of Stigma: Exploring the health care experiences of kink-oriented patients. The Journal of Sexual Medicine, 13, 1918–1929.
- Williams, D. J., & Sprott, R. A. (2022). Current biopsychosocial science on understanding kink. Current Opinion in Psychology, 48, 101473.
- Wismeijer, A. A. J., & van Assen, M. A. L. M. (2013). Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine, 10(8), 1943–1952.
- Wright, S. (2014). Depathologizing consensual sexual sadism, sexual masochism, transvestic fetishism, and fetishism. Archives of Sexual Behavior, 43(4), 751–757.