Lust an Intensität – nicht an Gewalt

Aus sexualmedizinischer Sicht lohnt es sich, beim Wort „Sadismus“ sehr genau hinzuschauen: Meinen wir konsensuelle BDSM-Praktiken, in denen Schmerz, Macht und Inszenierung lustvoll und sicher gestaltet werden? Oder sprechen wir von nicht-einvernehmlichen Handlungen, die anderen schaden? Diese Unterscheidung ist zentral – medizinisch, rechtlich und ethisch.


Was „Sadismus“ im BDSM meist bedeutet


Im BDSM-Kontext beschreibt Sadismus häufig die sexuelle Erregbarkeit durch das Zufügen von Intensität – z. B. durch kontrollierten Schmerz, Demütigung, Angst-Inszenierung oder strenge Regeln – unter ausdrücklich vereinbartem Konsens. Das ist keine „versteckte Gewalt“, sondern (im Idealfall) eine kooperative Interaktion mit klaren Grenzen, Safewords, Nachsorge und gemeinsamer Verantwortung. Dies kann körperliche Elemente wie Spanking oder psychologische Aspekte wie Rollenspiele beinhalten, aber immer mit vorher definierten Grenzen und Einverständnis aller Beteiligten. BDSM umfasst ein breites Spektrum von Praktiken, bei denen Macht und Rollenwechsel im Vordergrund stehen. Der sadistische Anteil ist nur einer davon – und nicht gleichzusetzen mit Gewalt außerhalb eines BDSM-Settings.

Im Gegensatz dazu steht der klinische Begriff des sexualsadistischen Störungsbilds: Hierbei geht es um Lust an Zwang, fehlendem Einverständnis und Schaden für andere – ohne Konsens. Diese Unterscheidung ist zentral, um pathologische von gesunden, konsensuellen Ausprägungen zu trennen.


Klassifikation in ICD-11 und DSM-5

Früher galt BDSM in psychiatrischen Klassifikationen wie ICD-10 noch als „Störung der Sexualpräferenz“. In der ICD-11 (seit 2022 gültig) wurde diese Sicht revidiert: konsensuelle BDSM-Praktiken werden nicht als psychisch krank eingestuft, solange sie einvernehmlich sind und nicht zu signifikanter Beeinträchtigung oder Schaden führen. Eine diagnostizierbare Störung existiert nur noch in der Form „coercive sexual sadism disorder“, also bei nicht-einvernehmlichem und schädigendem Verhalten.
Ähnlich differenziert das aktuelle DSM-5 der American Psychiatric Association: sexuelle Präferenzen, inklusive sadomasochistischer Neigungen, gelten nicht per se als Störung, sondern nur wenn sie Leidensdruck erzeugen oder nicht-einvernehmliches Verhalten beinhalten. Damit ist die bloße Ausübung von BDSM nicht pathologisch.


Kurzum: In der klinischen Diagnostik wird heute nicht das ungewöhnliche Interesse problematisiert, sondern Leidensdruck/Beeinträchtigung oder Nichteinvernehmlichkeit.
In der forensisch-klinischen Begriffswelt wird zwischen sadistischem Interesse und paraphiler Störung unterschieden. Für Sexualmedizin und Psychiatrie ist entscheidend, ob
1. nicht-konsensuell gehandelt wird oder
2. die Person stark leidet bzw. in zentralen Lebensbereichen deutlich beeinträchtigt ist.


Forschung über BDSM-Sadismus


Ein häufiger Mythos lautet: „Wer sadistisch ist, hat doch sicher auch Freude daran, anderen wirklich zu schaden.“ Genau diese Gleichsetzung wird durch Forschung zunehmend differenziert. Empirische Studien zeigen, dass BDSM keine klaren Verbindungen zu Psychopathologie aufweist. Eine der größeren Untersuchungen zur Psychologie von BDSM-Praktizierenden fand, dass Menschen, die BDSM betreiben, in vielen Fällen eine hohe Sensations- und Erlebnisorientierung besitzen und ihren sexuellen Ausdruck als Teil ihrer Identität erleben, ohne dass hierdurch zwangsläufig psychische Störungen entstehen.
Eine Studie in Personality and Individual Differences stellte BDSM-Sadismus dem „everyday sadism“ (alltagsbezogener Sadismus als Persönlichkeitsmerkmal) gegenüber und fand: Viele BDSM-Sadist:innen zeigen eher „prosocial“ geprägte Muster und unterscheidet sich von generalisierter Schadenfreude. Die Lust in dem Kontext ist an Konsens, Rollen, Ritualen und Grenzen gebunden und nicht daran, jemandem psychisch oder körperlich nachhaltig zu schaden.
Das heißt nicht, dass BDSM automatisch „harmlos“ ist: Risiken (körperlich wie psychisch) existieren. Aber Risiko ist nicht gleich Pathologie. Klinisch relevant wird es vor allem dann, wenn jemand wiederholt Grenzen missachtet, Einvernehmlichkeit relativiert oder der eigene Impulsdruck nicht mehr kontrollierbar ist.


Historische Entwicklung des "
Sadismus"


Der Begriff „Sadismus“ geht auf den französischen Schriftsteller Marquis de Sade (1740–1814) zurück. Seine literarischen Darstellungen extremer Macht- und Lustfantasien prägten nicht nur Kultur, sondern auch die frühe Sexualwissenschaft. Der Psychiater Richard von Krafft-Ebing übernahm diesen Begriff im 19. Jahrhundert in sein Standardwerk Psychopathia Sexualis und klassifizierte Sadismus und Masochismus als „aberrante“ sexuelle Präferenzen. Diese pathologisierende Sichtweise blieb lange prägend für Medizin und Gesellschaft.
Erst im Zuge der sexuellen Liberalisierungsbewegungen des 20. Jahrhunderts – und durch engagierte Aktivist:innen – begann sich das Bild zu wandeln: Homosexualität wurde letzlich aus der Pathologieliste gestrichen und BDSM praktizierende Personen kämpften erfolgreich gegen die pauschale Pathologisierung einvernehmlicher BDSM-Praktiken in diagnostischen Leitlinien.


Warum wird BDSM oft falsch verstanden?


Trotz wissenschaftlicher Evidenz und Entpathologisierung halten sich in der Öffentlichkeit viele Mythen: BDSM sei Ausdruck tieferer psychischer Probleme oder latent gewalttätiger Impulse. Diese Vorstellungen wurzeln nicht zuletzt in historischen Klassifikationen und kulturellen Tabus gegenüber abweichender Sexualität. Hinzu mischen sich, je nach geografischer Lage, von der Kirche geprägte Moralvorstellungen (Cave: Flagellanten, Büßergürtel etc.) und die gesellschaftlich tolerierte "Empörung", über besonders interessante Normvarianten.
Forschende heben hervor, dass eine entscheidende Ursache dieser Missverständnisse darin liegt, dass BDSM-Praktiken als in sich gefährlich missinterpretiert werden, anstatt sie unter dem Blickwinkel von Konsens, Sicherheit und sexueller Differenz zu betrachten.

Zusammenfassend kann man sagen:

Der Kern ist Konsens. 

„Sadismus“ im BDSM ist eine konsensuelle Praxis der Intensität, nicht die Lust an realer Verletzung anderer. Sexualmedizinisch ist die wichtigste Frage nicht: Wie ungewöhnlich ist die Fantasie? – sondern: Ist es einvernehmlich, sicher gestaltet und frei von klinisch relevantem Leidensdruck oder Schädigung? Genau diese Differenzierung spiegelt sich in der modernen Diagnostik (DSM-5/ICD-11) und in empirischer Forschung zunehmend wider.

Darum: Sadistinnen und Sadisten in der BDSM Welt sind keine verkappten Schläger oder haben gar eine gestörte Impulskontrolle. Au contraire, mon cher. Sie wissen, im besten Fall, ganz genau was sie tun und wie sie konsensuell und kontrolliert Impulse setzen, die für ein, für beide Seiten, spannendes Erlebnis sorgen.
Und an die mitlesenden Sadistinnen und Sadisten hier:
Wenn ihr mit bornierten, empörten Statements, wie „Ihr seid doch alle Frauenschläger!!!1!“ konfrontiert werdet – geht weiter. Lächelt, wenn ihr an die glücklich glänzenden Augen eures submissiven Gegenübers denkt und lasst euch neue „Gemeinheiten“ einfallen. S wird es euch danken!


Und wer Konflikte mit seinem/ihrem sadistischen Anteil hat (äußerlich in der Beziehung zB oder innerlich): Wendet euch vertrauensvoll an einen KAPA Experten oder eine KAPA Expertin - hier.



Frau Doktor K., Dezember 2025




Literaturhinweise (Auswahl):

• American Psychiatric Association (APA). Paraphilic Disorders (DSM-5 Factsheet / Overview). 
• Başar, K. (u. a.). The Changes in ICD-11 Related to Sexual Health and Sexual Disorders. (Review/Übersicht). 
• First, M. B. (u. a.). Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11. World Psychiatry (2016). 
• Mokros, A., & Nitschke, J. Sexueller Sadismus: Aktueller Wissensstand und die Codierung gemäß DSM-5-TR und ICD-11. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie (2021). 
• Oosterhuis, H. Sexual Modernity in the Works of Richard von Krafft-Ebing and Albert Moll. (historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung, 2012). 
• Erickson, J. M. (u. a.). The prosocial sadist? A comparison of BDSM sadism and everyday sadism. Personality and Individual Differences (2021). 
• American Academy of Psychiatry and the Law. DSM-5 and Paraphilic Disorders (2014).
• Wismeijer, A. A. J. & van Assen, M. A. L. M. (2013). Psychological characteristics of BDSM practitioners. Journal of Sexual Medicine.
• De Neef, N., Coppens, V., Huys, W. et al. (2019). BDSM from an integrative biopsychosocial perspective. Sexual Medicine.
• Dunkley, C. R., & Brotto, L. A. (2020). The role of consent in the context of BDSM. Sexual Abuse.